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Mehr Praxisbezug nötig: Berufliche Ausbildung in Kenia

Afrikas junge Bevölkerung wächst und zwar sehr schnell. Daraus könnten große Chancen für den Arbeitsmarkt entstehen. Aber das Gegenteil ist der Fall. Denn gerade für junge Leute ist es schwierig, Jobs zu bekommen. Und das liegt unter anderem an den Ausbildungsstrukturen, wie das Beispiel Kenia in Ostafrika zeigt. Hier hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei seinem Besuch letzte Woche gesehen, einerseits wie motiviert die jungen Leute sind, aber andererseits eben auch wie sehr es zielgerichtete praktische Ausbildung braucht. Gudula Geuther berichtet.

Brenda Karanga steht in der Werkhalle des Kiambu Institute of Science & Technology, kurz: KIST, vor einem Schraubstock, die Eisensäge in der Hand.

„Ich messe dieses Rohr ab und säge es in die gewünschte Länge für unser Projekt.“

Für die zukünftige Klempnerin dürfte das eine der leichteren Übungen sein. In diesem Jahr wird sie die Berufsschule abschließen, nach zwei Jahren ganztägiger Ausbildung mit zwei Tagen Theorie in der Woche, drei Tagen Praxis. Dafür hat sie einige Opfer gebracht.

“Ich musste von der anderen Seite des Bezirks Muranga umziehen, um diese Schule besuchen zu können. Es gibt auch doch dort Schulen, aber diese hat einen besonders guten Ruf.”

So geht es vielen Schülern. Sie wohnen auf dem Campus der Schule gleich außerhalb Nairobis oder in anderen Bildungseinrichtungen, die sich auf die Hauptstadt konzentrieren. Das ist eine der Schwierigkeiten für junge Menschen in dem Land am Horn von Afrika und das ist die Mehrheit der Bevölkerung. 6 von 10 Kenianern sind unter 25. Wirtschaftlich steht das Land besser da, als die Nachbarstaaten. Aber die rund 800.000 Schulabgänger pro Jahr profitieren davon nur bedingt. Jeder vierte Jugendliche ist arbeitslos. 90 % derer, die Arbeit haben, sind im sogenannten informellen Sektor tätig ohne festes Arbeitsverhältnis. Die Regierung gibt mehr Geld für Bildung aus als für irgendeinen anderen Bereich, gibt auch einen Zuschuss zum Schulgeld. Trotzdem bleiben für Brenda 27000 Kenianische Schilling pro Semester übrig, um die 250 Euro.

“Für meine Familie ist das viel. Ein Studium wäre allerdings noch teurer gewesen.”

Für Brenda war das der Grund zur Berufsschule zu gehen. Isaac Barasa braucht erst einen Abschluss, den er in der Berufsschule erwerben will, bevor er Tierarzt oder Pflanzenzucht studieren kann. Aber das ist ihm auch ganz recht. Er mag den Ansatz hier.

“Wenn wir zum Beispiel aufs Feld gehen, dann hast du danach nicht nur das Schulwissen, sondern weißt auch, wie es auf dem Feld praktisch zugeht.”

Eyleen Modyoro geht es ähnlich. Sie kann nach ihrem Abschluss im Bauingenieurwesen im Straßen- oder Hausbau arbeiten. Das ist gut.

“Aber mit Studium kann ich den Bau leiten – im Straßenbau, im Hausbau.”

Für die beiden ist die praktische Ausbildung ein Übergangsstadium. Jörg Kleis scheint sie in Kenia dagegen besonders wichtig. Denn was Studierende an der Universität lernen könnten, beklagt der Ostafrika-Bildungsfachmann, gehe am Bedarf vorbei.

“Das hängt auch damit zusammen, dass die Ausbildung gerade im akademischen Bereich wirklich viel zu akademisch ist. Das ist sehr tragisch, man weiß eigentlich wie es besser gehen könnte. Aber die Firmen, mit denen wir arbeiten, beklagen regelmäßig, dass die Bewerber – um es mal so auszudrücken – zwar den Durchmesser eines Kreises berechnen, aber leider kein Loch bohren können.”

Seine AfricaWorks Personalberatung vermittelt Afrikaner nach Abschlüssen in Europa nach Afrika und berät Unternehmen und Bildungseinrichtungen. Auch die Berufsschulen in Kenia lehrten oft am Bedarf vorbei fürchtet er, denn:

“Man muss von vornherein – das ist der wichtigste Faktor – die Wirtschaftsseite mitdenken. Keine Berufsschule, ohne nicht Abnehmer zu haben auf der Unternehmerseite, mit denen das zusammen aufzubauen.”

Am KIST laufe das besser als anderswo. Da stimmt er der Schülerin Brenda Karanga zu. Hier sind jetzt schon deutsche Firmen engagiert. Mit Hilfe des deutschen Staates soll das ausgebaut werden. Fünfeinhalb Millionen Euro sollen in ein Werkstattgebäude für Industriemechatroniker in Ausbildungsplätze für 280 und Unterkunft für 200 Schüler fließen. Partner des neuen sogenannten Exzellenzzentrums sind Unternehmen. Kenias Präsident Uhuru Kenyatta zeigte sich beim Besuch des deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier in der vergangenen Woche auch interessiert am Aufbau einer praktischer orientierten Universität, einer Art Fachhochschule. Jörg Kleis hofft, dass es dann auch wirklich um die Praxis geht.

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